Da ich mich dafür entschieden hatte, eine Art Lebenslinie zu besprechen, war nicht jede Sitzung schlimm. Es gibt ja auch schöne Dinge in meinem Leben. Die Sitzungen, in denen wir dann ein Trauma vertieft haben, war es für mich wie einen Film abzuspielen. Anhand der Augen der Therapeutin war mir klar, irgendetwas stimmt nicht. Da ich meistens eine angehende Studentin der Psychologie dabei hatte, bekam ich dort ebenfalls eine Reaktion zu sehen. Die Studentin schrieb während der Sitzungen mit, konnte aber ihre Atmung und auch ihre Körpersprache nicht so gut beherrschen, wodurch ich im Laufe mehrere Sitzungen nachdenklicher wurde.
Ich fragte Kasper, warum das, was ich in den Sitzungen erzähle, so schlimm für andere Personen sei, denn ich empfand bis zu dem Zeitpunkt nichts schlimmes daran. Beim ersten Mal als ich ihm diese Frage stellte, dachte ich, jetzt lacht er mich aus. Aber das tat er nicht. Er suchte nach den richtigen Worten mir die Gedanken und Gefühle zu erklären, die „normale“ Menschen haben, wenn sie meine Geschichte hören. Ich hatte in den Momenten, wo ich diese Frage stellte, immer das Gefühl, dass diese Frage nicht richtig ist.
Doch, die Frage war richtig! Sie ist nur schwer zu beantworten für Menschen, die nicht von Kleinkindalter gelernt haben, dass man keine Schwäche zeigt und es normal ist, von dem Bruder im Schrank eingesperrt zu werden oder seine Wutausbrüche hinnehmen zu müssen, die sich dann in Arm verdrehen, kneifen bis es blutet, Schläge mit der Faust in den Rücken und und und äußerten. Mein Vater hat uns Kindern ebenfalls das Gefühl vermittelt, dass man keine Schwäche zeigt.
Ich will das Verhalten meiner Eltern oder meinem Bruder nicht rechtfertigen. Jedoch erklärt es, warum mein Ex Mann so ein leichtes Spiel hatte, mich zu Dingen zu bringen, die ich nicht getan hätte, wenn ein paar wenige Dinge anders gelaufen wären und ich einfach ein anderes Bild im Kopf gehabt hätte, was normal ist. Vielleicht wäre es auch anders gelaufen, wenn Dinge offener angesprochen worden wären.