Das ich so mit Kasper sprechen konnte, hatte ich nur durch die Therapie gelernt. In dem Moment offen zu sagen, mein Körper reagiert gerade nicht so wie ich es gerne hätte und dann um Hilfe zu bitten, war für mich sehr schwer. Ich musste bis zu dem Zeitpunkt allein mit meiner Vergangenheit klarkommen, da ich immer das Gefühl hatte, es ist meine Schuld, dass mir das passiert ist.
Ich habe mich dafür geschämt, dass ich nicht eher gegangen bin.
Ich habe mich geschämt, dass ich nicht klar „nein“ gesagt habe.
Ich habe mich geschämt, dass ich Angst davor hatte, allein da zu stehen.
Ja, ich habe mich auch dafür geschämt, dass wenn das rauskommen sollte, ein schlechtes Licht auf meine Familie fällt.
Ich habe von einigen Menschen den Spruch zu hören bekommen:
„mach doch einfach eine Therapie und dann bist du wieder „normal“ und kannst dich in der Gesellschaft besser bewegen.“
Klingt doch logisch und man müsste meinen, dass das Leben nach einer Therapie deutlich besser und leichter verläuft, weil man „normal“ ist.
Ich kann nach nun 2,5 Jahren sagen, es ist nicht leichter. Es ist anders und hat auch viele Veränderungen mit sich gebracht.
Durch meine Therapie habe ich viele Freunde verloren, da ich mich in meiner Persönlichkeit verändert habe. Ich stehe öfter für mich selbst ein und vertrete dann auch meine Meinung und bleibe auch mal bei einem „nein“. Ich erkläre und rechtfertige sehr häufig auch nicht mehr, warum ich „nein“ sage oder nicht mit dem Strom mit schwimme – ok, das habe ich schon früher nicht unbedingt gemacht, aber ich denke, ihr versteht, was ich meine.
Dann gibt es die Tage, wo es sich falsch anfühlt, wenn ich dann „nein“ sage. Gerade in der Beziehung zu Kasper gab es einige Momente, wo ich dachte, dass will ich so nicht mehr und ich muss für meine Meinung einstehen. Dann kamen in manchen Momenten die Zweifel und mein Gedanke war dann immer, es ist einfacher, einfach alles hinzunehmen.
Das Ziel der Therapie setzt genau da dann an, dass man lernt „nein“ zu sagen und „nein“ zu meinen. Es sind zwei verschiedene Dinge, die man lernen sollte, in einem Kontext, in einer Art Harmonie, zu benutzen. Was die Therapie einem nicht vermittelt, nicht mit der Brechstange von heute auf morgen, für sich einzustehen.
Ich arbeite also immer noch an dem Feingefühl, „nein“ zu sagen.