Ich war schon als Kleinkind sehr unsicher und anhänglich. Neue Dinge habe ich erst beobachtet und dann selbst ausprobiert, wenn ich alleine war. Ich wollte nicht, dass sich jemand über mich lustig macht, oder mich mit Druck in die Richtung schiebt.
Ich denke, dass ist ein ziemlich normales Verhalten. Um besser nachvollziehen zu können, wie ein Mann es geschafft hat, dass ich über Jahre Dinge mitgemacht habe, die so unvorstellbar sind, dass sogar meine Therapeutin zwischendurch schlucken musste, muss man ein paar Dinge zu meinem Charakter und meinem Umfeld wissen.
Fangen wir mit meinem Vater an. Kurz und knapp gesagt, klare Regeln, kein langes Reden, Fakten schaffen. Mein Bruder würde heute wahrscheinlich als ADHS-Typ mit einem recht ausgeprägten aggressiven Verhalten einstufen. Meine Schwester war schon früh immer fleißig und ehrgeizig, aber trotzdem auf ihre Art sozial. Meine Mutter hat viel geleistet, ging aber immer im Schatten meines Vaters, was für sie in Ordnung war.
Das erklärt allerdings noch nicht, wie hier die Steine für den Weg meines Ex Mannes gelegt wurden. So sieht es nach einer klassischen Familie aus.
In meiner Therapie habe ich auch gelernt, dass ich schon früh ein Vermeidungsverhalten gezeigt habe, welches sich in „Sie hat halt einen Dickkopf“ oder „sie ist etwas schwierig und zickt rum“ ausgelegt wurde. Therapiert werden müsse es nicht, da ich mich „selbst therapiert“ habe, in dem ich mich den Situationen stelle, die mir Angst machen.
Ich lernte schon früh, dass die Wutausbrüche meines Bruders „normal“ waren. Er brachte mich dazu, Dinge zu tun, die meine Mutter wütend machten, was dann dazu führte, dass ich den Ärger bekam und umso mehr ich versuchte zu erklären, dass ich nicht allein auf die Idee gekommen bin, verschlimmerte sich die Situation in der mein Bruder meist grinsend danebenstand. Heute weiß ich, man muss nicht alles machen, was einem gesagt wird. Als Kindergarten- Grundschulkind hat man diesen Weitblick meist nicht.
Für mich war es auch normal, dass ich gekniffen, geschubst oder gehauen wurde. Beliebt war bei ihm, dass er mir meinem Arm auf dem Rücken verdrehte und mir immer wieder sagte „na, du kannst dich nicht wehren, du bist wohl zu schwach“ und dabei dann gelacht hat. Natürlich gab es auch Momente, die lustig und harmonisch waren. Beliebt war bei uns beiden, Schnecken auf den Arm zu setzen und zu schauen, welche Schnecke schneller ist.
Meine Schwester gab mir schon früh zu verstehen, ich nerve sie nur. Sie hat auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich „dumm bin“. Als ich mein Abitur nachgeholt habe, hat sie mir gesagt „du kannst es versuchen, helfen werde ich dir nicht, dass hat ja schon beim ersten Schulweg nichts gebracht“. Meine Nichte sagte mir vor ein paar Jahren „ich werde etwas aus mir machen, so enden wie du will ich nicht!“ Wo sie mit ihren neun Jahren so etwas wohl her hatte.
Klingt weiterhin nach einer normalen Kindheit? Ja, ich denke schon. Trotzdem wurden durch diese vielen Kleinigkeiten, die Weichen passend gestellt, dass ich immer das Gefühl hatte, ich kann nichts und egal was ich tue, es zählt nicht. Dies führte dazu, dass ich mich auf die Reiterei fokussierte, da ich früh erkannte, dass die Tiere mich so akzeptieren, wie ich bin.
Umso älter ich wurde und immer mehr mit der Pubertät zu kämpfen hatte, verschlechterte sich meine schulische Leistung. Ich kämpfte mit mir selbst und dann kam zu Hause noch die Situation mit meinem Bruder. Meine Mutter hatte es aufgegeben, meinem Bruder beizubringen, dass er mit seinem Verhalten nicht so weiter machen kann. Mir wurde gesagt, dass ich mich von meinem Bruder distanzieren sollte. Wie sollte so etwas gehen? Ich redete mit meinem Bruder nicht mehr. Ich tat so, als sei er Luft und bewegte mich nur dann in der Wohnung, wenn er nicht da war.
Was hatte ich nun von Kleinkindalter gelernt? Ich passe mich meinem Umfeld an und gehe in Deckung, weil es von mir erwartet wird – die Weichen für meinen Ex Mann waren gestellt.