Meine Therapeutin hat mir geraten, die Dinge aus den Sitzungen nicht mit nach Hause zu nehmen. Sie meinte damit, dass ich sie nicht Kasper erzählen soll. Es gab mehrere Sitzungen, wo ich von der Praxis abgeholt werden musste, da ich die Orientierung verloren hatte. Teilweise stand ich auch einige Tage neben mir oder hatte einfach puren Zeitverlust. Der Zeitverlust äußerte sich darin, dass es jetzt gerade noch halb neun war und dann war es plötzlich zwölf Uhr.
Ich hatte mich in meiner Therapie für eine Lebenslinie entschieden. Bei der Lebenslinie werden in einer Sitzung positive Dinge besprochen und in einer anderen Sitzung wurde dann ein Trauma besprochen. Zusammen mit der Therapeutin entschied ich, welche Traumata aufgearbeitet werden sollten und welche nicht so „relevant“ seien.
Nach einer Trauma – Sitzung kam ich zu Hause nicht zur Ruhe und bekam auch Angstzustände. Kasper kam von der Arbeit nach Hause und versuchte mich zu beruhigen. Irgendwann habe ich Kasper gefragt, ob er es sich zutraut mir zu zu hören. Denn ich hatte das Gefühl, darüber nochmal sprechen zu müssen. Kasper meinte, es wäre OK und wir würden das schon schaffen.
Über dieses Trauma, welches mich nun nicht losließ, konnte ich vor dem Beginn der Therapie nicht mal im Ansatz drüber sprechen.
Kasper hörte mir zu, während ich von der Sitzung erzählte. Für mich war es nicht einfach darüber zu reden. Heute weiß ich, dass ich es mir einfach gemacht hatte, in dem ich so erzählte, als wäre ich nur ein Beobachter gewesen. Ich konnte Kasper auch nicht wirklich anschauen, da wir bis zu diesem Zeitpunkt nie darüber gesprochen hatten, was mir passiert war. Es war mir auch unangenehm, da es in meinen Augen meine Schuld war und ich Angst davor hatte, dass ich auf Unverständnis treffen würde. Unverständnis in der Hinsicht, dass ich da ja nicht negativ drüber sprechen könnte, da es ja „alles meine Schuld“ war, dass ich das mitgemacht und zu gelassen habe.
Ich werde bewusst keine Details von den Geschehnissen beschreiben, da die Traumata Dinge beinhalten, die teilweise unvorstellbar sind und auch verstörend wirken können. Bitte habt dafür etwas Verständnis, dass ich eure Neugierde nicht mit Details ruhig stellen kann.
Nachdem ich gesehen habe, was mein Erlebtes bei Kasper ausgelöst hat, wurde ich nachdenklich. Ich denke, zu dem Zeitpunkt hatte meine Therapie fast den Höhepunkt erreicht und mein Gehirn war auf dem Weg, normal zu arbeiten. Warum ich diesen Eindruck hatte? Ich stand mehr im hier und jetzt und lebte nicht jeden Tag in der Vergangenheit. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass ich immer noch Anfang zwanzig bin, sondern schon zig Jahre älter. Ich konnte manche Tage wieder genießen, ohne einen Gedanken daran zu haben, wie ich mit meinem Ex Mann gelebt habe oder dass er gleich um die Ecke kommt.